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Forschung
Verhaltensbiologie: Neue Theorie zur Tierkommunikation
Die Erforschung der Tierkommunikation stellt Wissenschafter:innen vor eine der größten Herausforderungen: zu erklären, warum Tiere ehrliche statt irreführende Signale aussenden. Ob es sich um das farbenprächtige Gefieder eines Pfaus, die Prellsprünge von Gazellen oder das laute Brüllen eines Hirsches handelt – Tiere senden Signale aus, die überraschend viele Informationen enthalten und dazu dienen, andere Individuen aus der Ferne zu beeinflussen. Diese Signale können sowohl manipulativ und irreführend als auch ehrlich und zuverlässig sein. Eine neue Arbeit von Dustin Penn (Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung, Vetmeduni) und seinen Kollegen Szabolcs Számadó (Technische und Wirtschaftswissenschaftliche Universität Budapest, BME) sowie Istvan Zachár (HUN-REN Zentrum für ökologische Forschung) hat sich dieser Fragestellung gewidmet.
Männchen vieler Arten zeigen sexuelle Verhaltensweisen, die ehrlich ihre Qualität signalisieren. Nach genauerer Betrachtung und Bewertung der bestehenden Modelle schlugen die Autoren ein neues Signalisierungsmodell vor.
Die Studienautoren schlagen eine neue allgemeine Theorie zur Erklärung der Evolution ehrlicher und unehrlicher Signale vor. Ihr Ziel war es, bestehende theoretische Ansätze zu integrieren und eine umfassende Signaltheorie zu entwickeln, die überprüfbare Vorhersagen ermöglicht. Diese neue Theorie soll insbesondere Forscher unterstützen, die sich mit Tierkommunikation und sexueller Selektion befassen.
Aufhebung des Handicap-Prinzips
Seit Jahrzehnten ist die führende Theorie zur Erklärung ehrlicher Signale das sogenannte Handicap-Prinzip, das besagt, dass Signale, um ehrlich zu sein, mit hohen Kosten verbunden sein müssen. Ein kostspieliges Signal soll zeigen, dass der Sender in guter Verfassung ist und Energie im Überfluss hat, während Individuen in schlechterer Verfassung sich die notwendigen Investitionen für die Entwicklung und Aufrechterhaltung kostspieliger, verschwenderischer Ornamente nicht leisten können. Im Jahr 2020 erklärten Dustin Penn und Szabolcs Számadó jedoch, warum diese Idee abgelehnt werden kann und sollte und wie die sogenannten „kostspieligen Signalisierungsmodelle”, die zu ihrer Akzeptanz führten, falsch interpretiert wurden. Ehrlichkeit entwickelt sich in diesen Modellen weiter – nicht, weil Signalisierungen kostspielig oder verschwenderisch sind, sondern weil Ehrlichkeit vorteilhaft und Täuschung kostspielig ist.
Entlastung ehrlicher Signalisierungsmodelle
In ihrer aktuellen Veröffentlichung schlagen Penn und seine Kollegen eine neue allgemeine Theorie vor, um sowohl ehrliche als auch unehrliche Signale zu erklären. Zunächst erläutern sie, warum eine neue Theorie erforderlich ist, indem sie die Probleme mit dem Handicap-Prinzip und den Handicap-Interpretationen von Signalisierungsmodellen zusammenfassen. Sie bewerten diese theoretischen Modelle neu und zeigen, wie sie neu interpretiert werden können, um das irreführende und verwirrende Handicap-Prinzip zu vermeiden. Diese Modelle basieren auf Signalisierungs-Trade-offs (und Opportunitätskosten) und nicht auf tatsächlichen Signalisierungskosten. Penn räumt ein, dass ihre Hauptargumente wie „semantische Spitzfindigkeiten” erscheinen mögen, argumentiert jedoch, dass „unsere Interpretationen besser verdeutlichen, wie Signalisierungsmodelle funktionieren und was sie vorhersagen”.
Darüber hinaus untersuchen die Autoren andere Hypothesen, die zur Erklärung ehrlicher Signale aufgestellt wurden, und legen dar, wie diese scheinbar unabhängigen Ideen alle auf Kompromissen bei der Signalgebung beruhen. Schließlich kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Kompromisse auch für die Erklärung irreführender Signale von zentraler Bedeutung sind. Sie weisen darauf hin, dass frühere Versuche, ehrliche Signale zu erklären, seltsamerweise Täuschung ignoriert und nie eine Erklärung dafür vorgeschlagen haben.
Die neue Theorie ist sowohl für die Sozialwissenschaften als auch für die Biologie relevant, da die Theorie der kostspieligen Signale auch die führende Theorie für Ehrlichkeit beim Menschen war. Dustin Penn weist darauf hin: „Eines der größten Probleme unserer Zeit ist es, den Anstieg von Fehlinformationen und Desinformationen (bekannt als Infodemie) zu erklären, und eines unserer Ziele ist es, Wege zu finden, um die Zuverlässigkeit der Kommunikation zu verbessern.“
Penn erklärt, dass „das Handicap-Prinzip und kostspielige Signalisierungsmodelle ein Beispiel für die anhaltende ‚Theoriekrise‘ in den Biowissenschaften und Sozialwissenschaften sind, die dadurch entstanden ist, dass Forscher versuchen, vage verbale Theorien oder mathematische Modelle, die falsch interpretiert oder schlecht erklärt sind und viele mögliche Interpretationen zulassen, empirisch zu überprüfen. Ihr Ziel ist es, eine neue Theorie mit klaren und überprüfbaren Vorhersagen zu entwickeln.“
Der Artikel "A general signalling theory: why honest signals are explained by trade-offs rather than costs or handicaps" von Szabolcs Számadó, István Zachar und Dustin J Penn wurde in Journal of Evolutionary Biology veröffentlicht.
Wissenschaftlicher Artikel
Rückfragekontakt:
Priv.-Doz. Dr. Dustin J. Penn
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV)
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)
dustin.penn@vetmeduni.ac.at