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Forschung
Nutztiermedizin im Dialog mit der Praxis – Melanie Schären-Bannert im Porträt
Um die Gesundheit ganzer Herden im Blick zu behalten, brauchen Tierärzt:innen neben klinischem Wissen auch ein umfassendes Verständnis von deren Haltung, Fütterung und Management. Dieses vermittelt Milchviehexpertin Melanie Schären-Bannert, die im August ihre Professur für Bestandsbetreuung mit Fokus auf digitales Gesundheitsmonitoring bei Nutztieren antrat.
„Milchproduktion ist genau mein Ding“, sagt Melanie Schären-Bannert mit einem Lachen. Und liefert sogleich eine ebenso klare wie charmante Begründung: „Ich liebe Kühe. Sie sind ein fundamentaler Bestandteil unserer Zivilisation und faszinierende Wesen – viel komplexer, als man gemeinhin denkt. Außerdem macht mir Landwirtschaft einen Riesenspaß.“ Vor allem aber verknüpft die Schweizerin, die im belgischen Gent Veterinärmedizin mit Schwerpunkt Wiederkäuer studiert hat, ihre Passion mit einer beeindruckenden Expertise: Ihr Werdegang deckt von Bestandsbetreuung, Gesundheitsmanagement, klinischer Forschung und klassischer Einzeltiermedizin bis hin zu Datenanalytik, Digitalisierung und Ökonomie so ziemlich alles ab, was mit der professionellen Versorgung von Rindern zu tun hat. Inklusive zweier Doktortitel und Fachtierärztinnendiplom.
Zielbewusste Allrounderin
„Viele Erkrankungen unserer Nutztiere sind haltungsbedingt“, erklärt sie. „Wer sie verstehen will, muss das ganze System verstehen – vom Futter bis zur Liegebox.“ Um das Metier von der Pike auf zu lernen, heuerte sie darum nach dem Masterabschluss bei Großbetrieben in Deutschland und den USA an. In Dimensionen von bis zu 2.000 Tieren erwarb sie Grundfertigkeiten in Bestandsbetreuung, Datenanalytik und Tiergesundheitsmanagement, bevor sie sich einem weiteren Produktionssystem zuwandte: der Weidehaltung.
Ihre erste Doktorarbeit hat Melanie Schären-Bannert am Friedrich-Loeffler-Institut in Braunschweig in Kooperation mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover zu den Unterschieden zwischen Stall- und Weidehaltung bei Milchkühen geschrieben, anschließend dissertierte sie an der Universität Göttingen zu Einflüssen auf das Pansenmikrobiom. „Danach habe ich in Leipzig klinisch, chirurgisch sowie in der Bestandsbetreuung an der Klinik für Klauentiere gearbeitet, aber auch geforscht“, erzählt sie. Die Ausbildung zur Fachtierärztin für das Rind und die Ausbildung zum Diplomate des European College of Bovine Health Management (ECBHM) absolvierte sie dort.
Ein Highlight aus dieser Zeit: „Ein großes EU-Projekt, bei dem ich über fünf Jahre mit Landwirt:innen, Agrarwissenschafter:innen und Betriebswirtschaftler:innen an Fragen des Gesundheitsmanagements von Milchkühen arbeiten konnte – mit Hauptgewicht auf der Ökonomie der Tiergesundheit und Arbeitsorganisation.“ Nun, knapp vor ihrem 40. Geburtstag, schlägt sie das nächste Kapitel auf: In der Professur für Bestandsbetreuung mit Fokus auf digitales Gesundheitsmonitoring bei Nutztieren, die sie seit Kurzem an der Vetmeduni innehat, werden all ihre praktischen und wissenschaftlichen Expertisen zusammenfließen.
"Wir sind als Fachleute keine Besserwisser:innen, sondern vielmehr Partner:innen. Gemeinsam mit den Landwirt:innen wollen wir an einem Strang ziehen."
Zwischen VetFarm, Campus und Klinik
Dies sei nicht nur beruflich, sondern auch privat fantastisch, freut sie sich. „Es ist gewissermaßen ein Stück Rückkehr: Meine Großmutter ist Wienerin und im dritten Bezirk aufgewachsen, ganz in der Nähe vom Hundertwasserhaus. Damit schließt sich für mich auch ein familiärer Kreis.“ Entschieden hat die Forscherin den Umzug gemeinsam mit ihrem Mann, einem Agrarwissenschafter. Damit sie flexibel zwischen ihren Einsatzorten pendeln kann, hat sich die Familie geografisch geschickt zwischen der VetFarm im Triestingtal und der Vetmeduni in Wien angesiedelt und erkundet interessiert die niederösterreichische Umgebung. „Wir sind begeistert von der Therme in Bad Vöslau, ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs und die Kinder gewöhnen sich gerade in Kindergarten und Schule ein.“
Ihr Büro hat Melanie Schären-Bannert an der VetFarm, an einen Ort gebunden ist sie allerdings nicht. „Je nach Bedarf bin ich hier oder am Campus. Ich freue mich zudem auf eine enge Zusammenarbeit mit Kolleg:innen wie unter anderem von der Arbeitsgruppe Tierschutzwissenschaften und Tierhaltung, der Wiederkäuerklinik und dem Precision Lifestock Farming Hub.“
Aktuell stehen zwei Forschungsprojekte in den Startlöchern. Eines beschäftigt sich mit der Trinkwasserversorgung von Milchkühen – vor dem Hintergrund des Klimawandels hochaktuell. „Wir wollen herausfinden, wie die Tränkwassersituation in den Betrieben ist. Und wie man sie systematisch evaluieren und verbessern kann.“ Die zweite Studie dreht sich um die Anwendung digitaler Systeme: Welche Technologien nutzen die Landwirt:innen? Welche lassen sie wieder fallen – und warum? Wie sieht es mit Kosten, Benutzer:innenfreundlichkeit und Alltagstauglichkeit aus? „Es geht nicht darum zu sagen, was richtig oder falsch ist, sondern zu verstehen, was tatsächlich Mehrwert bringt.“ Das Ziel: „Sinnvolle Systeme zu identifizieren, die sich gut in die Abläufe in der Praxis integrieren lassen.“
Dynamische digitale Entwicklung
Digitalisierung biete Erleichterungen, berge aber auch Herausforderungen, so die Forscherin. „Moderne Sensorsysteme beispielsweise verarbeiten nicht nur Gesundheits- und Milchleistungsdaten oder Fruchtbarkeitskennzahlen, sondern beobachten auch das Verhalten der Tiere und ziehen daraus Schlüsse. In puncto Technikverständnis und Dateninterpretation stellen sie neue Anforderungen an die Landwirt:innen.“ Die wachsende Rolle von Künstlicher Intelligenz verstärke diese Dynamik noch. Dass sich angehende Tierärzt:innen mit den neuen Werkzeugen ebenso gut auskennen wie mit altbewährter veterinärmedizinischer Bestandsbetreuung, sei essenziell. „Es geht auch um das Tierwohl und Tools, die helfen können, Tiere besser zu verstehen“, betont sie. „Für gute Entscheidungen muss man wissen, wie es ihnen tatsächlich geht. Sonst arbeitet man im Blindflug.“
In der Lehre setzt Melanie Schären-Bannert auf einen Hands-on-Ansatz: raus in die Betriebe, Praxisluft schnuppern, Landwirtschaft erleben. Außerdem hoffe sie, ihre eigene Begeisterung für das Fach weitergeben zu können, denn auch dieses sei vom Fachkräftemangel betroffen. „Ich möchte zeigen, wie erfüllend, modern und gesellschaftlich relevant dieser Beruf ist. Welches Privileg es ist, mit diesen wunderbaren Tieren arbeiten zu dürfen.“
In Österreich gefällt der Professorin die Diversität. „Vom Kleinbetrieb plus Nebenerwerb über Weidehaltung und Almwirtschaft bis hin zu Hochleistungsbetrieben mit intensiver Produktion existiert so vieles nebeneinander. Der Stellenwert von Zucht und Exzellenz ist hoch.“ Und: „Man spürt die Wertschätzung für die Landwirtschaft und dass den Menschen das Tierwohl wichtig ist.“ Auch für Melanie Schären-Bannert sei die Verantwortung eine große Triebfeder: „Nutztiere liefern uns Lebensmittel und es ist unsere Verpflichtung, sie gut zu behandeln.“
Text: Uschi Sorz
alle Fotos: Thomas Suchanek/Vetmeduni
Der Beitrag ist in VETMED 03/2025 erschienen.