- Startseite /
- Universität /
- Infoservice /
- Presseinformationen /
- Erste direkte Beobachtung: Hündin tötet Welpen im eigenen Rudel
Forschung
Erste direkte Beobachtung: Hündin tötet Welpen im eigenen Rudel
Forschende der Vetmeduni und der Universität Hildesheim haben erstmals direkt beobachtet, dass eine frei lebende Hündin – genannt Fig – die Welpen eines verwandten Rudelmitglieds tötete und teilweise fraß. Ein solches Verhalten, auch Infantizid genannt, ist bei Säugetieren bekannt, wurde bisher aber vor allem bei Männchen dokumentiert, etwa bei Löwen. Bei Weibchen blieb es lange seltener beschrieben – auch weil solche Vorfälle meist schnell und selten passieren und daher schwer zu beobachten sind. Um den beobachteten Fall einzuordnen und zwei Hypothesen zur zugrunde liegenden Motivation zu prüfen, nutzte die Beobachtungsstudie Sozialdaten von acht Rudeln frei lebender Hunde.
Die Forschenden prüften zwei gängige Ansätze. Nach der sogenannten „Exploitation-Hypothese“ geschieht Infantizid vor allem aus Nahrungsgründen: Jungtiere werden getötet, um sie zu fressen. Die „Ressourcenkonkurrenz-Hypothese“ hingegen versteht Infantizid als Mittel, knappe Ressourcen für den eigenen Nachwuchs zu sichern – etwa Futter, Aufmerksamkeit der Gruppe oder sogar Muttermilch. Letzteres kann eine Rolle spielen, wenn Mütter ihren Nachwuchs gemeinsam betreuen, was bei frei lebenden Hunden bereits beobachtet wurde.
Kein Hunger: Konkurrenz um Ressourcen als wahrscheinliches Motiv
Die Daten sprechen deutlich gegen Hunger als Motiv. Erstautorin Melissa Vanderheyden vom Domestication Lab des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni erklärt: „Auf Grundlage unserer Beobachtungen denken wir nicht, dass die Hündin am Nährwert der Welpen interessiert war. Wir erfassten täglich Body Scores, die den körperlichen Zustand aller Weibchen abbilden. Fig hatte die höchsten Werte in der Gruppe. Sie hungerte also nicht. Wenn überhaupt, war sie übergewichtig.“
Rangordnung entscheidend?
Laut den Autor:innen ist es wahrscheinlicher, dass Dominanzhierarchie innerhalb des Rudels eine Rolle spielte. Fig war kurz zuvor zur ranghöchsten Hündin aufgestiegen, nachdem die frühere Alphahündin verschwunden war. Das Töten der Welpen könnte dazu gedient haben, ihre neue Position zu festigen. Noch wichtiger: Die Forschenden beobachteten, dass dominante Hündinnen ihre Welpen eher früher bekommen als untergeordnete, wenn mehrere Hündinnen derselben Gruppe in kurzem Abstand werfen. Ältere Welpen haben Vorteile gegenüber jüngeren – sie sind größer und stärker. Es ist daher gut denkbar, dass die dominante Hündin diesen Vorsprung für ihren eigenen Nachwuchs sichern wollte. Wenn dominante Hündinnen konsequent die Welpen untergeordneter Hündinnen töten, sobald diese zuerst werfen, kann es für untergeordnete Weibchen vorteilhaft sein, mit der Geburt zu warten.
„Ein solches Muster ist auch von anderen Tierarten bekannt, etwa von Mangusten und dem Großen Ani – einem Vertreter der Kuckucke. Weibchen stellen das Töten meist ein, sobald sie eigene Jungen haben – entweder weil später geborene Konkurrenten weniger bedrohlich sind oder weil sie die fremden Jungen nicht mehr sicher von den eigenen unterscheiden können. Das Zusammenlegen mehrerer Würfe in einer gemeinsamen Wurfhöhle macht das Erkennen zusätzlich schwer. Genau das passiert häufig bei Arten, bei denen die Würfe in kurzer Folge kommen. Diese Strategie ermöglicht es untergeordneten Weibchen, kurz nach der dominanten Hündin zu gebären, ohne ein hohes Risiko zu tragen, dass ihre Welpen getötet werden,“ erklärt Vanderheyden. „Obwohl diese Studie auf einer einzelnen Beobachtung von Infantizid beruht, legt das Geburtsfolge-Muster innerhalb der Gruppen nahe, dass Konkurrenz unter Weibchen über ihren Nachwuchs eine wichtige Rolle bei frei lebenden Hunden spielt. Das ist unsere Hypothese, doch bestätigen können wir sie erst, wenn weitere Fälle von Infantizid beobachtet werden.“
Der Artikel “A Direct Observation of Infanticide by a Female Free-Ranging Dog (Canis familiaris) Supports the Resource Competition Hypothesis” von Melissa Vanderheyden, Brenda Chaignon, Clément Car, Małgorzata Pilot, Ikhlass el Berbri, Sarah Marshall-Pescini, Friederike Range und Andreas Berghänel wurde in Ecology and Evolution veröffentlicht.
Wissenschaftlicher Artikel
Rückfragekontakt:
Melissa Vanderheyden MSc.
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV)
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)
melissa.vanderheyden@Vetmeduni.ac.at