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Forschung
Neue Nachbarn im Stadtraum: Wölfe haben Angst, gewöhnen sich aber rasch
Wölfe (Canis lupus) siedeln sich zunehmend in von Menschen dominierten Landschaften an. Diese wachsende Nähe birgt sowohl anthropogene Risiken als auch Chancen. Wie sich dies jedoch auf die Furcht der Wölfe vor Menschen auswirkt, war bislang unbekannt. Genau dieser Frage ist das Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) an der Veterinärmedizinischen Universität Wien gemeinsam mit italienischen Forschern der Universitäten Sassari und Parma nachgegangen.
Das Team unter der Leitung von Studien-Letztautorin Sarah Marshall-Pescini vom KLIVV testete 185 individuell identifizierte, wildlebende Wölfe an 44 Standorten mit unterschiedlichem Urbanisierungsgrad in Mittelitalien. Im Rahmen des Versuchsaufbaus wurden die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum mit neuartigen Objekten sowie mit menschlichen Geräuschen konfrontiert. Diese Studie stellt die ersten experimentellen Tests dieser Art dar, die an individuell identifizierten Wölfen in freier Wildbahn durchgeführt wurden. Die Ergebnisse liefern einzigartige Einblicke, wie Wölfe ihr Verhalten in von Menschen geprägten Umgebungen anpassen.
(Fast) alle haben Angst vor Menschen
Beim ersten Kontakt mit einem neuartigen Objekt reagierten Wölfe aus stärker urbanisierten Gebieten mit weniger Furcht, jedoch mit erhöhter Vorsicht, wenn sich das Objekt veränderte. Laut Marshall-Pescini deutet dies darauf hin, dass eine reduzierte Angst vor Neuem in urbanen Gebieten, wie sie bei vielen Tierarten beobachtet wird, nicht die ganze Geschichte erzählt. Vielmehr zeigen Wölfe auch eine gesteigerte Wachsamkeit gegenüber Umweltveränderungen, wahrscheinlich weil stärker urbanisierte Gebiete größere Gefahren für das Überleben der Wölfe darstellen. Im Gegensatz dazu lösten Aufnahmen menschlicher Stimmen unabhängig vom Urbanisierungsgrad starke Angstreaktionen aus – bei 81 % der Wölfe.
Unabhängig von ihrem Herkunftslebensraum gewöhnten sich die Tiere jedoch schnell und in ähnlichem Tempo an beide Reize, was ihre hohe Lernfähigkeit demonstriert. Zudem reduzierte ein stärker ausgeprägtes Sozialverhalten die Angst: Wölfe in Gruppen reagierten weniger ängstlich als „einsame“ Wölfe. „Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe ihre Verhaltensreaktionen flexibel an die Risiken und Chancen in von Menschen dominierten Landschaften anpassen. Dies ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg von Wölfen in urbanisierten Gebieten“, erklärt Marshall-Pescini.
Mehr Urbanisierung bringt weniger Vorsicht, aber erhöhte Wachsamkeit
Mittelitalien ist eine der Regionen, in denen sich Wölfe am frühesten in von Menschen dominierten Landschaften angesiedelt haben und wo dieser Prozess am weitesten fortgeschritten ist. Laut der Erstautorin Martina Lazzaroni vom KLIVV verdeutlichen die Ergebnisse der neu vorgestellten experimentellen Studie „die komplexe, kontextabhängige Natur der Angst bei Wölfen und deren Variation entlang des Urbanisierungsgradienten. Die gewonnenen Erkenntnisse bieten uns eine völlig neue Perspektive auf die Zukunft des Zusammenlebens von Wölfen und Menschen. Gleichzeitig unterstreichen sie auch die Herausforderung, ein friedliches Zusammenleben zu erreichen.“ Die Studie wurde vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) gefördert.
Der Artikel „Wolves respond differently to human cues as they expand into urban landscapes“ von Martina Lazzaroni, Rudy Brogi, Francesca Brivio, Elena Bassi, Andrea Boromello, Tabea Teichmann, Friederike Range, Marco Apollonio und Sarah Marshall-Pescini wurde in „PNAS“ veröffentlicht.
Wissenschaftlicher Artikel
Rückfragekontakt:
Priv.-Doz. Sarah Marshall-Pescini, PhD.
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV)
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni)
Sarah.Marshall@vetmeduni.ac.at