Skip to main content

Universität

Eine Maus für alle Fälle

Wenn er von KollegInnen angerufen wird, dann hilft MAIK DAHLHOFF mit seinen Fertigkeiten und Fachwissen über Genetik und genetisch veränderte Organismen. Der neue Professor am Institut für In-vivo- und In-vitro-Modelle hatte sechs Jahre eine eigene Forschungsgruppe am Institut für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie und bringt aus München Experimentierfreude, die ERBB-Rezeptoren als Spezialgebiet, fruchtbare Forschungsverbindungen und sein Fahrrad mit.

Als junger Postdoc führte Maik Dahlhoff noch eine Liste. Wie viele genetisch modifizierte Organismen (GMO) für spezifische Forschungsfragen er in seiner Karriere bereits designt und gezüchtet hat, kann er aktuell nicht beantworten – Nummer 25 war der letzte Eintrag, an den er sich erinnert. Zudem ist ihm wichtig zu betonen, dass er ebenso intensiv an Alternativen zu Tierversuchen arbeitet: „Ich wusste irgendwann, dass ich es kann, und die Methoden funktionieren – da habe ich aufgehört zu zählen“, erklärt der mit 1. Oktober 2020 berufene Professor am Institut für In-vivo und In-vitro-Modelle.

Die Durchführung des Engineerings – seine Gruppe in München arbeitete routinemäßig mit CRISPR/ Cas9, Stammzellmodifikation für Knock-in- und Knock-out-Mäuse und DNA-Mikroinjektion – ist nicht mehr so aufregend. Seine Faszination für die erfolgreiche Verbindung von Zellkulturen und Modellorganismen, um medizinische oder grundlegende Forschungsfragen zu beantworten, ist ungebrochen. Maik Dahlhoff ist ein anerkannter Fachmann für GMO und leitete ab 2014 eine eigene Forschungsgruppe am Institut für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie der LMU München. Die Bandbreite „seiner“ GMO-Mäuse reicht von der Erforschung von epigenetischen Faktoren bei Adipositas und Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) bis zur Onkologie insbesondere in Haut und Pankreas. Er nutzte bereits 2013 die „CRISPR/Cas9-Genschere“ für die Modifikation von Zellkulturen, als die Methode noch nicht in aller Munde und Medien war und die „Zutaten“ für die Genmodifikation noch bei anderen Kollegen und Kolleginnen erfragt werden mussten. „Es braucht viel Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit entsprechender Ausstattung zu sein. Aber wenn man eine Methode etablieren möchte, dann muss man es einfach mal selbst machen“, sagt Maik Dahlhoff und ergänzt: „Das kann ich nur jedem empfehlen.“

Bei Anruf Maus

Wenn eine Kollegin oder ein Kollege anruft und um Hilfe bittet, lehnt er prinzipiell nicht ab: „Nein sagen ist in der Wissenschaft für mich ein No-Go. Man hilft Kolleginnen und Kollegen, wenn man kann. Ich versuche, diesen Spirit und bewährte Technologien weiterzuvermitteln.“ Er besuchte als Visiting Scientist mehrmals das Yarden Laboratory am Weizmann Institute oder das Max-Planck-Institut für Psychiatrie und gab Wissen weiter. Und stets nahm er auch Know-how und persönliche Kontakte mit, die jetzt der Vetmeduni zugutekommen. Wien findet er „wunderschön und man kann sich hier wohlfühlen“. Erstmals besuchte er die Stadt 2015 für einen dermatologischen Kongress. Als eine Professur ausgeschrieben wurde, die seine beiden Leidenschaften verbindet, bewarb er sich.

Ein weiterer Grund für Dahlhoffs thematische Breite ist, dass er nicht an einem Krankheitsbild wie zum Beispiel Diabetes oder Krebs forscht, sondern am ERBB-Rezeptorsystem in gesunden und kranken Geweben. Aus der Familie dieser Rezeptoren ist vor allem EGFR (Epidermal Growth Factor Receptor) bekannt. Zu viel EGF-Rezeptor-Aktivität führt häufig zu Tumoren, was umgekehrt Ansatzpunkte für gezielte Therapien bietet. Da der EGF-Rezeptor in fast allen Geweben exprimiert wird, „entdeckt man laufend neue Zusammenhänge“. Im Rahmen seiner Doktorarbeit „Actions of betacellulin in the gastrointestinal tract: studies in transgenic mouse lines“ begann er, sich mit dem ERBB-System zu beschäftigen. Betacellulin ist ein Bindungspartner (Ligand) des EGF-Rezeptors und wer die Menge der Bindungspartner kontrolliert, wirkt auch auf den Rezeptor ein. An der Vetmeduni will er zunächst die Forschung zum Feedback-Loop-System vertiefen: „Die Feedback-Loop-Proteine an der Zelloberfläche sind ein Teil des Regulationsmechanismus. Wir wollen das Spiel zwischen diesen Proteinen und den ERBB-Rezeptoren genau beobachten und dann beginnen, den Rezeptor gezielt zu blocken oder seiner Aktivität entgegenzuwirken.“ Dies geschieht selbstverständlich im Mausmodell und in der Zellkultur.

Lexikon der In-vivo- und In-vitro-Modelle

Proteine auf der Zelloberfläche, die Signale von außen in die Zelle vermitteln

Genetisch veränderte Organismen

Eine Genschere, mit der man sehr einfach Gene modifizieren kann

Mauslinien, in denen bestimmte Gene hinzugefügt bzw. ausgeschaltet wurden

Organe, die in der Zellkultur entwickelt wurden

Organe bzw. ein Organismus, die/der auf einem Chip für die Zellkultur entwickelt wird

Umzug mit Mäusen, aber ohne Möbel

Hat er alle „seine“ Mäuse nach Wien mitgebracht? „Alle Linien, die wir in München generiert haben und die ich für meine Forschung verwenden möchte, sind bereits in Wien“, so Dahlhoff und ergänzt ein frostiges Detail: „In Spermaform in flüssigem Stickstoff.“ Bevor er also loslegen kann, braucht er Vorlauf und Fachkräfte. „Wir tauen auf, was wir brauchen: Zelllinien und Mäusesperma. Die Mauslinien werden mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) in den Tierstall gebracht.“ Seine „Mäuse“ in Form von Forschungsprojektmitteln sind leider an den Standort Deutschland gebunden. Aber es gibt einen Industriepartner, der mit ihm auch in Wien weiterarbeiten möchte. Den Cryotank nach Wien zu transportieren war im Corona-Herbst 2020 einfacher als der Rest der Übersiedlung: „Das kann ich niemandem empfehlen: Keine Abschiedsfeier nach immerhin 17 Jahren, keine Einstandsfeier für den Neubeginn. Ich habe im Wintersemester hier in Wien keinen einzigen Studierenden gesehen.“ Unterrichtet hat er – wie alle – online. Was Maik Dahlhoff mitbringt, ist Erfahrung mit dem Design, der Erzeugung und der Charakterisierung von genetisch erzeugten Mausmodellen für medizinische Anwendungen und Grundlagenforschung. Auch die praktische Anwendung von Alternativen wie 3D-Modellen und Organoiden sowie neue Entwicklungen (Stichwort „human on a chip“ oder „organ on a chip“) will er vermitteln. Gemäß seiner eigenen Maxime: den Anschluss behalten und vor neuen Sachen nicht zurückschrecken.

Vom Pferd zum Steckenpferd

Dass er als Tierarzt forschen und sich auf molekulare Genetik/Genetic Engineering spezialisieren würde, war ihm zu Beginn seines Studiums nicht klar. Maik Dahlhoff wuchs in Warendorf an der Ems im Münsterland auf. Wer es nicht weiß: Warendorf ist als Pferdestadt weltberühmt mit dem Landesgestüt Nordrhein-Westfalen, dem Sitz des Olympiade-Komitees für Reiterei und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. „Ich wollte als Schüler natürlich ein Tierarzt mit Kleintierpraxis werden. Dass man nicht gleich an die Forschung denkt, ist ja ganz normal.“ Während des Praktikums in der Pferdeklinik Telgte schienen ihm Großtiere eine Option. Eine „Exotenphase“ macht er in seiner Zeit an der Reptilienklinik München durch. Tatsächlich hat ihm Genetik als Fach schon in der Schule Spaß bereitet und dieses Steckenpferd hat letztlich das Rennen gemacht. Unterwegs ist er hingegen mit dem Drahtesel. Ob in Münsterland, München oder Wien, sein Rad war immer dabei. Von der Wohnung zum Campus braucht er gemütlich zehn Minuten. Für die Erkundung von Wien und Umgebung will er sich noch ein Gravel-Bike zulegen. Zu seinem Ausgleichsprogramm gehören Schwimmen und Fitness ebenso wie Lesen und Zeichnen. Der aktuellste Eintrag auf der nicht mehr geführten Liste ist wohl eine GMO-COVID-Maus, die Maik Dahlhoff an die virologische Forschungsstätte auf der Insel Riems geschickt hat.

Text: Astrid Kuffner

Dieser Artikel erschien in VETMED Magazin 01/2021